Landkreis Tirschenreuth
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Dieser Feststellung widersprach kein Teilnehmer des am 05.07.2016 in Tirschenreuth durchgeführten „1. Tirschenreuther Betreuungsforums“. Zu dieser Veranstaltung konnte Landrat Lippert rund 90 Gäste aus der gesamten nördlichen Oberpfalz im Landratsamt begrüßen.

Das „Betreuungsforum“ wurde von den Mitarbeitern der Betreuungsstelle des Landratsamtes Tirschenreuth ins Leben gerufen. Es soll künftig eine Kommunikations- und Veranstaltungsplattform all jenen dienen, die als Betroffene, Betreuer, Angehörige oder sonstig Beteiligte mit der rechtlichen Vertretung kranker oder erwachsener Menschen befasst sind. Rechtliche Betreuung müsse aus Verantwortung für die betroffenen Menschen „gelebt“, sie dürfe nicht nur „verwaltet“ werden.

Das „1. Tirschenreuther Betreuungsforum“ befasste sich sich mit dem Thema „Qualität in der rechtlichen Betreuungsarbeit“. Hierzu konnte mit Professor Dr. Reiner Adler von der Ernst-Abbe-Hochschule Jena ein bundesweit angesehener Befürworter eines standardmäßig vorhandenen Qualitätsmanagementsystems bei rechtlichen Vereins- und Berufsbetreuern als Leitreferent gewonnen werden. Als weitere Referenten und Diskutanten nahmen der langjährige Berufsbetreuer Michael Müller, Kohlberg, und der Richter am Betreuungsgericht Tirschenreuth, Wolfgang Höreth, teil.

In jedem Sozialgesetzbuch gäbe es gesetzliche Vorgaben zur  Qualitätssicherung, nur im Bereich der rechtlichen Betreuung noch nicht, so Adler als einleitende Feststellung. Dies würde jedoch nicht bedeuten, dass nicht schon jetzt vielerorts sehr hochwertige Betreu-ungsarbeit geleistet werden würde. Adler zeichnete in seinem Vortrag zunächst den aktuellen Stand des Wissenschaftsdiskurses um die Einrichtung und Überwachung von Qualitätsstandards bei Betreuern auf: Die Fragen von Qualität und Qualitätskontrolle in der rechtlichen Vertretung kranker und behinderter Erwachsener würden auf Verbands- und Politikebene schon seit langem diskutiert. In die Zukunft blickend stellte er fest, dass in Zukunft niemand mehr eine rechtliche Betreuung für einen kranken oder behinderten Erwachsenen mehr übernehmen dürfte, ohne immer wieder nachzuweisen, dass er über die zu fordernden Qualitätsmindestkriterien für die Betreuungsarbeit verfügt.

Als nächstes referierte Michael Müller über Erfordernis und Möglichkeiten qualitätssichernder Maßnahmen aus Sicht des alltäglichen Betreuungspraktikers. Eindringlich und mit Beispielen beschrieb Müller dabei seine Erfahrungen mit den stets zunehmenden Anforderungen und Erwartungen an rechtliche Betreuer: Bei eine vom Gesetzgeber vorgegebenen,  engen Handlungsspielraum durch fallunabhängige Stundenbudgets bei unter Facharbeiterniveau liegenden Stundensätzen würden Komplexität, Aufgabenstellungen und Schwierigkeiten bei der täglichen Betreuungsarbeit stetig zunehmen. „Rechtliche Betreuung ist keine soziale Betreuung“, so Müller. Aber rechtliche Betreuung ohne Berücksichtigung und Einbeziehung der Lebenswelt eines Betroffenen würde dem Gesetzesauftrag und der Verantwortung nicht gerecht werden. Hier sind Qualitätsstandards festzuschreiben und ökonomische Rahmenbedingungen durch höhere Zeitkontingente pro Betreuungsfall anzupassen. Qualitätsfestschreibung täte Not, ebenso aber auch eine wirtschaftliche Besserstellung der Betreuer. „Keine Qualität ohne vernünftige Rahmenbedingungen“, so Müller abschließend.

Als dritter Referent berichtete anschließend der Betreuungsrichter am Amtsgericht Tirschenreuth, Herr Wolfgang Höreth, von den ihm vom Betreuungsrecht vorgegebenen, insbesondere rechtlichen Rahmen seiner Arbeit und den darin enthaltenden Festlegungen und Ansätzen einer Qualitätssicherung. Hohe Fallzahlen würden es auch bei Gericht immer wieder erschweren, Qualitätsaspekte bei der Fallbearbeitung ausreichend zu würdigen.

Im Anschluss an die Mittagspause trafen sich die Teilnehmer zunächst zu drei Workshops, um sich mit unterschiedlichen Themenstellungen zu befassen. Die dort erarbeiteten Ergebnisse wurden dann im Plenum vorgestellt und bildeten den Übergang in eine Forumsdiskussion der drei Referenten unter Einbeziehung der Tagungsteilnehmer. Verstärkt wurde das Diskutantenfeld dabei noch um die Frau Heidemarie Gregor, Akademische Rätin an der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg. Frau Gregor ist schon seit vielen Jahren zunächst als Betreuerin, dann als Hochschullehrende mit der rechtlichen Betreuung Erwachsener befasst. In der Forumsdiskussion zeigte sie sich als Vertreterin eines sozialarbeiterischen Zugangs zu den Fragen der Qualitätssicherung in der Betreuungsarbeit.

Moderiert wurde die gesamte Veranstaltung durch Manfred Häfner, Mitarbeiter der Betreuungsstelle des Landratsamtes Tirschenreuth. Dieser zog zum Abschluss der Fachtagung auch das sicherlich von den meisten Teilnehmern mitgetragene Fazit der Veranstaltung: Ohne Qualität dürfe und könne eine verantwortungsvolle rechtliche Vertretung von kranken und behinderten Menschen nicht erfolgen. Um allerdings „Qualität“ durch die Brillen der verschieden beruflichen Rollen, Betreuer, Richter, Rechtspfleger so zu beschreiben, dass ein gemeinsamer Qualitätsbegriff herausgearbeitet und ein für alle Anforderungen passendes Qualitätsmanagementsystem etabliert werden kann, sei es noch ein weiter Weg. Diesen gemeinsam zu gehen wäre Aufgabe und Verpflichtung von Betreuern, Gerichten und Betreuungsbehörden.

Mit der Einrichtung des „Tirschenreuther Betreuungsforums“ will die Betreuungsstelle am Landratsamt Tirschenreuth auch künftig Veranstaltungen ausrichten und alle mit der Betreuung Erwachsener befassten einladen, das Forum als Ort des Erfahrungsaustausches und des Lernen im Interesse der anvertrauten Menschen zu nutzen. Es ist daher geplant, zukünftig insbesondere ehrenamtliche Betreuer und betreuende Familienangehörige teilnehmen zu lassen.