Landkreis Tirschenreuth
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"… und auf die Guillotin' hat unser alter Herr Rat eh' niemanden geschickt … eine liebe Zeit, trotz der Vorkommnisse – menschlich halt." Der beliebte Abspann zum "Königlich Bayerischen Amtsgericht" war eines der Beispiele, wie sich in Film, Fernsehen oder Theater das Bild von der "guten, alten Zeit" verbreitete.

Beim Dezember-Kurs der vhs-Reihe "Politik aktuell" ging es aber auch um Zerrbilder und Schlagwörter, aus denen sich der "Mythos Bayern" speist. Welche Selbst- und Fremdbilder erzeugen "Mia san mia", "Laptop und Lederhose" oder "Liberalitas bavarica"? Ist dem Historiker Karl Bosl zuzustimmen, der das "Theatralische" als bayerische Besonderheit hervor hob? Und inwiefern vollzieht sich gerade ein Wandel in der – vielleicht nur gedachten – bayerischen Mentalität?

Zusammen mit interessierten Teilnehmern versuchte Kursleiter Friedrich Wölfl diesen Fragen nachzuspüren. Anlass war das Jubiläum "100 Jahre Freistaat Bayern". Ausgehend von der Revolution 1918/19 ging es um monarchische Traditionen, republikanisch-demokratische Entwicklungen und anarchische Entwicklungslinien bis heute. An mitunter auch humorigen Beispielen aus Gesellschaft, Politik, Kultur und Kommerz versuchte Wölfl den "Mythos Bayern" zu enträtseln. Gerne wird er von den Bayern selbst verstärkt, manchmal gespeist von einer eher oberflächlichen Sehnsucht nach "Heimat".

 "Bayerntypisch" scheint das Beharren auf eigenstaatlichen Elementen zu sein, ebenso das raffinierte Spiel mit Tradition, Moderne, Folklore und Klischees. Auffallend scheint über die Jahrzehnte hinweg eine ausgeprägte Inszenierungslust in Politik oder Marketing. Mitunter fragwürdig erscheint der Hang in der altbairischen Oberpfalz oder in Franken, sich übereifrig den südbayerischen "Vorbildern in Habitus, Sprache oder Traditionen anzupassen.

Belege für einen beginnenden Wandel bei der kulturellen Identität fanden die Teilnehmer in Wahlergebnissen oder sozialstrukturellen Veränderungen, etwa bei Spannungen zwischen großstädtisch und ländlich geprägten Regionen. Tendenzen, den Mythos zu hinterfragen oder zu unterlaufen, fanden immer wieder und jetzt zunehmend ihre Anhänger.

Ein Ergebnis des – auch dank der Beiträge der Teilnehmer – mitunter launigen Abends: Der Mythos Bayern war stets schillernd, mit ihm lässt sich auf verschiedenen Bühnen des Lebens spielen. Seine historischen, sozialpsychologischen, ökonomischen, politischen oder kulturellen Aspekte sind eng miteinander verwoben und entwickeln sich ständig weiter. Das kritisch-abwägende Fazit des Kursleiters: "Man muss sich wohl auf die Widersprüchlichkeit des Satzes einlassen 'Bayern ist nicht mehr das, was es noch nie war.'"