Landkreis Tirschenreuth
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Bedingt durch den demografischen Wandel, durch Entwicklungen im Freizeitverhalten und im beruflichen Bereich, wird der ÖPNV mit entsprechenden Anforderungen konfrontiert, auf die das bestehende Personenbeförderungsgesetz allein keine sinnvollen Antworten geben kann. Es stehen in Zukunft nicht mehr das Konzessionswesen, Fahrpläne und Haltestellen im Vordergrund, sondern schlicht und einfach der Wunsch des Fahrgastes zu einer ihm passenden Zeit von A nach B zu gelangen.

v.l.: Thomas Kraus, Leiter Stadtwerke Tirschenreuth; Alfred Meller, Regionalbus Ostbayern; Alois Röckl, BAXI-Fahrer; Franz Stahl, Erster Bürgermeister Stadt Tirschenreuth; Wolfgang Lippert, Landrat Tirschenreuth; Peter Zimmert; Harald Birner, Mitarbeiter Stadtwerke Tirschenreuth

Um diesem Wunsch gerecht zu werden, müssen alle zur Verfügung stehenden Beförderungsmöglichkeiten verknüpft werden, um eine möglichst nahtlose Mobilitätskette anbieten zu können. Die Angebote müssen flexibler werden, zeitlich wie räumlich. Es geht darum, alle Ressourcen zu nutzen. „Klassische“ Linienverkehre, flexible Bedienformen, SPNV, Mitfahrzentralen, Car Sharing. Während in den Ballungsräumen diese Mobilitätsketten in der Regel vorhanden sind (U-Bahn, S-Bahn, Straßenbahn, Linienbusse), besteht der ÖPNV im ländlichen Raum lediglich aus Linienbussen und wenigen Bahnhöfen im SPNV. In den Ballungsräumen sind auch grundsätzlich Verbünde gegründet, die sämtliche Angebote verknüpfen. Diese Verknüpfung ist im ländlichen Raum nur sehr sporadisch vorhanden und wenn, dann nicht umfassend. Die Verknüpfung bezieht sich nicht nur auf die Verkehrsangebote, sondern auch auf die Kundeninformation.

Dazu kommen noch die optimale Ausnutzung der technischen Möglichkeiten und deren ständige Fortschreibung. Zur Steigerung der Attraktivität des ÖPNV ist es unerlässlich, den Zugang zum ÖPNV einfach zu gestalten. Dazu gehören die Barrierefreiheit, aber auch die Beschaffung der Fahrkarten und die Ausstattung der Fahrzeuge. Speziell im ländlichen Raum haben die Aufgabenträger mit rückläufigen Einnahmen, steigenden Kosten und sinkenden öffentlichen Förderungen zu kämpfen. Das bedeutet, dass es noch größerer Anstrengungen bedarf, um einerseits die vorhandenen Mittel effektiver einzusetzen, andererseits zu versuchen, den ÖPNV attraktiver zu machen, um die Einnahmesituation zu verbessern. Der ÖPNV im ländlichen Raum steht vor einem großen Umbruch.

Die Weichen dafür werden jetzt gestellt. Angebot, Technik und Förderungen müssen neu aufgestellt und dem Wandel der Zeit angepasst werden. Der Landkreis Tirschenreuth hat sich dieser Herausforderung gestellt. Zu den bereits bestehenden zwei Säulen des ÖPNV im ländlichen Raum, dem Schienenpersonennahverkehr und dem öffentlichen Linienbusverkehr, wurde eine dritte Säule eingeführt. Der gesamte Landkreis wurde mit einem Anrufbussystem überzogen, um jedem Bürger des Landkreises ein Minimum an ÖPNV zur Verfügung zu stellen. Mit diesem Anrufbussystem BAXI erfüllt der Landkreis seine Pflicht der Daseinsvorsorge gegenüber den Bürgern. Mit dem BAXI wird jedem Landkreisbewohner die Möglichkeit gegeben, seine Gemeindeverwaltung zu erreichen, Einkaufsmöglichkeiten zu nutzen oder Ärzte und Apotheken aufzusuchen.

Der große Vorteil des BAXI-Systems ist, dass nur mehr der Streckenabschnitt gefahren wird, für den eine Anmeldung vorliegt. Zugleich kann die Fahrzeuggröße an die Anzahl der Anmeldungen angepasst werden. Es braucht somit nicht grundsätzlich ein großer Linienbus die gesamte Linie von der ersten bis zur letzten Haltestelle abzufahren, sondern in der Regel genügt es, außerhalb der Hauptverkehrszeiten, wenn ein kleineres Fahrzeug nur den Abschnitt der Linie fährt, für den eine Anmeldung vorliegt. Die Fahrpreise für das BAXI unterliegen, wie auch alle anderen Omnibuslinienverkehre, dem Tarif Oberpfalz Nord (TON). Gleichzeitig arbeitet der Landkreis Tirschenreuth daran, den ÖPNV attraktiver zu machen. Zur Steigerung der Attraktivität wurde das Haltestellennetz deutlich verdichtet. Weitere Fahrten und Linien eingerichtet. Z.B. eine Express-Linie von Kemnath nach Tirschenreuth. In der nächsten Ausbaustufe werden Freizeit- und Pendler BAXIs eingerichtet. Die ersten Freizeit-BAXIs laufen bereits, wie ein „Kino-BAXI“ oder ein „Zoigl-BAXI“. Für Firmen sollen Pendler-BAXIs angeboten werden, die speziell auf die flexiblen Arbeitszeiten der jeweiligen Firma ausgerichtet sind. Alle diese Maßnahmen sollen dazu beitragen, den Individualverkehr zu reduzieren und einen Anreiz zum Umstieg auf den ÖPNV zu schaffen. Die Neugestaltung des ÖPNV soll nicht nur verkehrsplanerische Ziele verfolgen, sondern auch ökologische Effekte erzeugen. Das neueste Projekt des Landkreises Tirschenreuth sind die E-BAXIs Bei der Beförderung auf den bestehenden BAXI-Linien sind innerörtliche Beförderungen ausgeschlossen.

Das heißt: Innerhalb der jeweiligen Ortsschilder gibt es keine Beförderung. Dennoch besteht für den innerörtlichen Verkehr eine erkennbare Nachfrage. Gerade in den größeren Landkreisgemeinden sind die Wege für mobilitätseingeschränkte Personen manchmal nicht zu bewältigen. Mit dem Projekt „E-BAXI“ soll diese Lücke geschlossen werden. Der Landkreis bietet jeder Landkreisgemeinde an, in deren Ortsbereich (ohne Gemeindeteile, denn die sind ja über den „normalen“ BAXI-Verkehr an die Gemeinde angeschlossen) eine innerörtliche Beförderung mit einem E-BAXI einzurichten. Die jeweilige Gemeinde bekommt ein dichtes Netz an BAXI-Haltestellen (ab 01.10.18 in Kemnath 71 und in Tirschenreuth 107 Haltestellen). Ebenso wie bei den bereits bestehenden BAXIs gilt der Grundsatz: „Einstieg an einer öffentlichen Haltestelle, Ausstieg am Zielort nach Wunsch“. Am 01.10.2018 startet eine halbjährige Erprobungsphase in den Städten Kemnath und Tirschenreuth. Danach werden weitere kreisangehörige Gemeinden folgen. Der Tarif entspricht, wie bei allen BAXI-Linien dem Tarif Oberpfalz Nord (TON). Es wird von Montag bis Freitag ein Stundentakt von 08:00 Uhr bis 18:00 Uhr (Ausnahme 13:00 Uhr) angeboten. Samstags und an Sonn- und Feiertagen gilt ein reduzierter Fahrplan. Die Buchungen der Fahrten laufen, wie auch für die herkömmlichen BAXIs, über die Fahrtwunschzentrale.

Mit dem Einsatz von Fahrzeugen die mit einem Elektromotor betrieben werden, leistet der Landkreis auch einen Beitrag zu einer Verringerung der Luftverschmutzung in den Innenstädten. Gleichzeitig wird mobilitätseingeschränkten Menschen die Möglichkeit gegeben, am öffentlichen Leben teilzunehmen. Die Attraktivität des ÖPNV soll auch noch durch weitere flankierende Maßnahmen gesteigert werden.

Dazu gehören die Ausstattung der Linienbusse mit kostenlosem W-LAN, sowie die Digitalisierung des Fahrscheinverkaufs (Stichwort „Handy-Ticketing“), der Fahrplanauskunft und der Fahrgastinformation. Mobilität ist ein wichtiger Standortfaktor und wird in Zukunft immer stärker Einfluss auf die Ansiedlung von Firmen nehmen, die für ihre Arbeitnehmer und deren Familien ein zeitgemäßes Umfeld erwarten. Die Erreichbarkeit von Schulen, Kindergärten, Freizeiteinrichtungen, Arbeitsplätzen, Einkaufsmöglichkeiten, Ärzte, Krankenhäuser, sozialen Einrichtungen usw. ist ein entscheidendes Kriterium für die Standortwahl.